Freitag, 29. Mai 2026, 18:00 Uhr und
Sonntag, 31. Mai 2026, 11:30 Uhr:
Dorothea Noé-Rumberg (Gauting bei München) und Stephan Schäfer (Köln):
Johann Wolfgang Goethe: Das Märchen

Freitag, 29. Mai 2026

Ort:Kunstsalon arte & poetica.
Brabanter Str. 14
34131 Kassel

Zeit: 18:00 Uhr

Dr. Dorothea Noé-Rumberg (Gauting bei München):

„Was ist erquicklicher als Licht?“ – „Das Gespräch“.
„Bedeutend und deutungslos“: Goethes Märchen – Versuch einer Annäherung

Der Eintritt ist frei

Dorothea-Michaela Noé-Rumberg.
Dorothea-Michaela Noé-Rumberg.

Sonntag, 31. Mai 2026

Ort:Salon Arte & poetica.
Brabanter Str. 14
34131 Kassel

Zeit: ab 11:00 Uhr (offizieller Beginn: 11:30 Uhr)

Stephan Schäfer (Köln)
Der Eintritt ist frei

Stephan Schäfer (Köln)
Stephan Schäfer (Köln)

Märchen-Wochenendeim Kunstsalon arte & poetica

Am letzten Wochenende im Mai freuen wir uns besonders darauf, Goethes Märchen in einer Doppelveranstaltung lebendig werden zu lassen. Am Freitag, dem 29. Mai, um 18:00 Uhr wird uns Frau Dr. Dorothea Noé-Rumberg aus Gauting bei München – eine versierte Kennerin von Goethes Werk, insbesondere auch seiner naturwissenschaftlichen Schriften, und passionierte Literaturvermittlerin – ihre Interpretation des Märchensvorstellen. Am Sonntag, dem 31. Mai, um 11:30 Uhr trägt der professionelle Sprecher Stephan Schäfer aus Köln das Märchen vor.

Unser Mitglied Eve Rotthoff hat uns – und alle Interessierten – für dieses Wochenende in ihren Salon eingeladen. In dieser schönen Umgebung dürfen wir uns an die Salonkultur um 1800 erinnern: an eine Zeit, in der Menschen zusammenkamen, weil sie Freude am Gespräch und an der Geselligkeit hatten.

Wir freuen uns auf sympathische und interessante Menschen, die sich an diesem Wochenende begegnen, um Goethes Märchen an einem Abend und einem Morgen wirklich kennenzulernen, sich auszutauschen, den Frühling zu genießen – und sich im besten Falle zu fragen, warum sie sich nicht schon früher kennengelernt haben.

Hermann Hendrich: Die Überfahrt der Irrlichter (1921)
Hermann Hendrich: Die Überfahrt der Irrlichter (1921)
Hermann Hendrich: Irrlichter und Schlange (1921)
Hermann Hendrich: Irrlichter und Schlange (1921)

Goethes Märchen (1795)

Goethes Märchen, das die Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten (1795) im Sinne eines offenen Endes beschließt, entfaltet eine allegorische, von vielfältigen Banngesetzen beherrschte Landschaft. Diese Landschaft, durch einen Fluss geteilt, der nur durch den Fährmann – und durch diesen nur in eine Richtung –, die Schlange des Mittags oder den abendlichen Schatten eines Riesen überschritten werden kann, steht für eine entzweite Geschichtsepoche: Nach dem goldenen, silbernen und erzenen Zeitalter erscheint die Gegenwart als ‚gemischt‘, konflikthaft, unentschieden.

Die Liebe eines jungen Mannes zur schönen Lilie sowie die beherzte Hilfe einer Schlange, eines Alten mit der Lampe und seiner Frau, eines Fährmanns, eines Riesen, eines Habichts und selbst zweier sprunghafter Irrlichter ermöglichen schließlich das Heraufkommen eines neuen Zeitalters im Zeichen der Verjüngung, der Erneuerung und des Friedens. „Ein Einzelner hilft nicht, sondern wer sich mit vielen zur rechten Stunde vereinigt“, so der Alte mit der Lampe. Während die Novellen der Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten menschlichen Eigensinn und auch Egoismus reflektieren – und beiden wohl auch ihren Platz in der Welt lassen –, erscheint im Märchentatkräftige Kooperation als die eigentliche Voraussetzung einer besseren, friedlicheren, glücklicheren Welt.

Durch ein Miteinander im Dienst der Sache – und das Aufsteigen überzeitlicher Elemente der Vergangenheit in die Gegenwart – entsteht eine lebendige, zukunftsweisende Ordnung, die das Märchen selbst als „bewegliche Festigkeit“ beschreibt: „geprägte Form, die lebend entwickelt“ („Urworte. Orphisch.“).

In der letzten Nacht vor dem Beginn der neuen Zeit wölbt sich ein Brückenbogen über den Fluss und spiegelt sich im Wasser – der Kreis scheint geschlossen, doch der Mittelpunkt bleibt frei, angestrebt, nie ganz erreicht. Der prächtige Anblick deutet vielleicht gerade die Offenheit einer lebendigen Ordnung an: Ginge das Individuelle restlos im Gemeinsamen auf, würde die „bewegliche Festigkeit“ in Starre kippen. Das unerreichte Zentrum des gespiegelten Lichtbogens symbolisiert jenen Freiraum, in dem individuelle Freiheit und tragfähige Bindung einander nicht ausschließen. Im Anbrechen der Zukunft wird am Schluss des Märchens ein anmutig belebter, Glück gewährender Zustand des Miteinanders sichtbar.

Sicherlich liefert das Märchen damit einen Kommentar zu jener polarisierten Wirklichkeit, die in der Rahmenhandlung der Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten vor Augen tritt. Wie ist das Aufheben von Polarisierungen, die Überwindung von Trennungen, die Integration tiefgreifender kultureller Verwerfungen denkbar? Die Antwort, die Goethe im Märchen anbietet, bleibt bewusst in poetischen Bildern aufgehoben. Diese verweisen auf das Ideal eines praktisch-tätigen Miteinanders und auf Beziehungen, die Menschen tragen und verwandeln. Erst auf dieser Grundlage wird Gesellschaft möglich.

Dr. Dorothea Noé-Rumberg: 
Promotion bei Prof. Dr. Gerhard Baumann in Freiburg zum Thema: Naturgesetze als Dichtungsprinzipien. Goethes verborgenen Poetik im Spiegel seiner Dichtungen. Lehrveranstaltungen an der Universität u.a. zu Goethe, zur Literatur der Romantik und zu Hugo von Hofmannsthal. Inzwischen tätig in der gemeinsam mit ihrem Mann gegründeten Literaturagentur Ultreya.
 
Stephan Schäfer

gründete 2001 das „Kölner Künstler-Sekretariat“ zur Vermittlung von Literatur und klassischer Musik. In seinen Lesungen erweckt er klassische Literatur sowie historische und zeitgenössische Reisebeschreibungen zum Leben. Er gastiert bundesweit bei Literaturgesellschaften und Festivals, in Bibliotheken und Museen.
www.lesen-ist-reisen.de

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