Freitag, 26. September 2025, 18:00 Uhr
Prof. Dr. Jochen Golz (Weimar):
Menschliche Bindungen zwischen Experiment und Auflösung:
Goethes Wahlverwandtschaften

Freitag, 26. September 2025

Ort:Universität Kassel, Geistes- und Kulturwissenschaften, Kurt-Wolters-Str. 5,
Raum 0019
Zeit: 18:00 Uhr

Referent: Prof.Dr. Jochen Golz (Weimar)

Der Eintritt ist frei.

(Der Vortrag von Prof. Dr Julia Weber zu den Wahlverwandtschaften (“Lebens- und Liebesarchitekturen”) entfällt vorerst; er soll im nächsten Frühjahr nachgeholt werden.)

Prof. Dr. Jochen Golz
Prof. Dr. Jochen Golz
August Macke: Haus im Garten (1914)

August Macke: Haus im Garten (1914)

 

Goethes Werk ist reich an Frauengestalten – und es lohnt, Konstanz und Varianz bestimmter Figurentypen genauer in den Blick zu nehmen. Immer wieder ist dabei eine Tendenz des Autors spürbar: weibliche Figuren erscheinen tendenziell von charakterlicher Beständigkeit und ethischer Festigkeit geprägt, während männliche Figuren einer Abhängigkeit vom Zeitgeist unterliegen, wie sie nicht zuletzt aus der sozialen Situation der Protagonisten erwächst.

Gerade in den Wahlverwandtschaften gewinnt dieses Spannungsverhältnis eine literarisch reiche Gestalt. Goethe selbst – so berichtet Riemer – verstand den Sinn des Romans darin, „soziale Verhältnisse und Conflicte symbolisch gefasst darzustellen“. Tatsächlich stehen (fast) alle Figuren im Zeichen der Entwurzelung. Ihre Suche nach einer neuen Ordnung spiegelt sich in den Bau- und Gestaltungsvorhaben des Romans, die – von Schloss und Lusthaus über Mooshütte bis zu Friedhof und Kapelle – immer auch seelische Szenerien abbilden. Doch stehen diese Gestaltungsversuche allesamt unter dem Zeichen des Unheils.

Traditionell wird der Roman als „Eheroman“ gelesen. Goethe nimmt sich dieses Themas jedoch in unkonventioneller Weise an: experimentell, mit teilweise beinahe ironischer Nonchalance. Eduard und Charlotte, ebenso wie das befreundete Paar von Graf und Baronesse, haben ihre jeweils eigenen Erfahrungen mit den Beschränkungen der Konventionsehe gemacht. Eduards Leidenschaft zu Ottilie hingegen – und die ihre zu ihm – wird als eine „unbeschreibliche, fast magische Anziehungskraft“ geschildert, die im gesellschaftlichen Raum nicht stabilisierbar ist. Diese „unbeschreibliche, fast magische Anziehungskraft“ öffnet am Ende – allen ironischen Brechungen zum Trotz – die Perspektive auf eine Transzendenz, in der eine solche Liebe möglich scheint.

So zeigt der Roman instabile, in Auflösung begriffene zwischenmenschliche Verhältnisse: Beziehungen im Zeichen von Entfremdung. Auch der moralische Ordnungsdiskurs des von Goethe unverkennbar karikierten „Ehepredigers“ Mittler – eine Figur, deren Positionen der Autor, bei aller satirischen Zuspitzung, nicht der Lächerlichkeit preisgibt – kann diese Risse nicht kitten. Goethes Roman erweist sich damit als weit mehr als ein „Eheroman“ – ähnlich wie später Flauberts Madame Bovary.

Tragisch ist in diesem Gefüge nicht allein Ottilies Ortlosigkeit – ihre Liebe verweist, wenngleich unter ironischem Vorbehalt, auf eine Transzendenz, in der sie allein aufgehoben wäre. Noch schwerer wiegt das Schicksal Charlottes, die – wie die „zarte luftige Säure“ in jenen chemischen Elementen, die dem Roman seinen Titel gegeben haben – „in’s lose Weite“ hinausgetrieben wird: in Isolation und Einsamkeit. Isolation und Einsamkeit kennzeichnen zuletzt geradezu die menschliche Befindlichkeit in einer Welt, „wo Gleichgültigkeit und Abneigung eigentlich recht zu Hause sind“.

Ein solch radikaler, experimenteller und zugleich skeptischer Zugriff auf Ehe und Gesellschaft wurde von den Zeitgenossen weitgehend mit Unverständnis und Ablehnung quittiert. Erst die Moderne hat differenziertere Zugänge zu dieser immer noch rätselhaften Welt gefunden.

Wir freuen uns sehr, mit Prof. Dr. Jochen Golz (Weimar) einen der profiliertesten Goethe-Kenner unserer Tage begrüßen zu dürfen. Sein Vortrag eröffnet neue Perspektiven auf den wohl modernsten, zugleich aber auch rätselhaftesten Roman des deutschen Klassikers.

Zur Person: Prof. Dr. Jochen Golz

Jochen Golz, 1942 in Stettin geboren, zählt zu den profiliertesten Germanisten und Goethe-Kennern der Gegenwart. Nach dem Studium der Germanistik an der Universität Jena promovierte er 1969 mit einer Arbeit über die Erzählhaltung bei Jean Paul; 1994 folgte die Habilitation mit einer groß angelegten Studie zu Jean Pauls »Titan« als Säkularroman.

Von 1994 bis 2007 leitete er das Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar. Innerhalb der Goethe-Gesellschaft in Weimar prägte er über zwei Jahrzehnte maßgeblich die Arbeit: Von 1999 bis 2019 stand er ihr als Präsident vor, anschließend amtierte er bis 2023 als Vizepräsident. Seither ist er Ehrenpräsident der Gesellschaft. Über viele Jahre verantwortete er die Herausgabe des Goethe-Jahrbuchs; mit den Goethe-Akademien belebt er bis heute den Dialog zwischen Forschung und Öffentlichkeit.

Sein wissenschaftliches Werk umfasst zahlreiche Editionen und Studien, insbesondere zu Goethe, Schiller und Jean Paul. Seit 2018 ist Jochen Golz Honorarprofessor für „Deutsche Literatur um 1800“ an der Universität Leipzig.


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