26. Juni 2025: Prof. Dr. Tilmann Köppe, Fabian Finkendey (Göttingen)

"Das Tragische im rechten großen Sinn":
Theodor Storms Schimmelreiter

Donnerstag, 26. Juni 2025
(in Kooperation mit dem Literaturhaus Kassel)

Ort:
Palais Bellevue, Schöne Aussicht 2, 34117 Kassel 0019

Zeit: 19:00 Uhr

Referenten:
Prof. Dr. Tilmann Köppe (Universität Göttingen);
Fabian Finkendey
(Universität Göttingen)

Thema: „Das Tragische im rechten großen Sinn: Theodor Storms Schimmelreiter

Der Eintritt ist frei.

Prof. Dr. Tilmann Köppe
Prof. Dr. Tilmann Köppe
Begegnung des 'mittleren' Erzählers mit dem Schimmelreiter auf dem Deich
Begegnung des 'mittleren' Erzählers mit dem Schimmelreiter auf dem Deich
Elke Volkerts vor dem Hause ihres Vaters
Elke Volkerts vor dem Hause ihres Vaters

1. Storm und Goethe

W. Friedrich - Goethe als Kind beim Puppenspiel
W. Friedrich - Goethe als Kind beim Puppenspiel

Viele Wege führen von Storm zu Goethe – etwa über Wilhelm Meister und das Puppentheater, über Eckermann und die Sturmflut von 1825 (bzw. in den fünften Akt des zweiten Faust) sowie über die Frage nach einem Wollen, das „notwendig“, also persönlichkeitskonstitutiv ist – und das Goethe bereits 1815 in seinem Essay Shakespeare und kein Ende als den „Gott der neuern Zeit“ bezeichnete.

Im Zentrum des Abends steht jedoch Storm selbst – namentlich sein Schimmelreiter (1888). Begegnen Sie gemeinsam mit Prof. Tilmann Köppe und Fabian Finkendey (Göttingen) einer Novelle, deren Thematik – das Verhältnis von Mensch und Umwelt, wie es heute auch aus der Perspektive des Ecocriticism gelesen wird – ebenso weiterwirkt wie ihre sprachliche Kraft und tragische Zuspitzung.

Hauke Haien auf seinem Schimmel
Tilmann Kömppe, Fabian Finkendey - Glcü, Tragik, Tod, Sinn (Wallstein 2023)

PROF. DR. TILMANN KÖPPE,
studierte von 1997 bis 2004 Germanistik, evangelische Theologie, Philosophie und Ästhetik in Göttingen und Southampton; 2007 Philosophische Doktorprüfung, Universität Göttingen: Literatur und Erkenntnis. Studien zur kognitiven Signifikanz fiktionaler literarischer Werke). Von 2004 bis 2007 war er Lehrbeauftragter am Seminar für Deutsche Philologie der Universität Göttingen und Mitarbeiter der dortigen Arbeitsstelle für Theorie der Literatur.

Von 2009 bis 2016 Mitarbeit in Forschungszentren in Freiburg und Göttingen. Seit 2017 Professur am Seminar für Deutsche Philologie der Universität Göttingen. Veröffentlicht hat er u.a. zur Fiktions- und Erzähltheorie, zur philosophischen Ästhetik.

FABIAN FINKENDEY,
studierte von 2013 bis 2019 Neuere Deutsche Literaturgeschichte und Philosophie an der Georg-August-Universität. Er forscht als Mitarbeiter der Arbeitsstelle für Theorie der Literatur (Universität Göttingen) zur ästhetischen Wertschätzung der Literatur.

II. Glück, Tragik, Tod, Sinn

Unter dem suggestiven Titel Glück, Tragik, Tod, Sinn: Vier literarische Entwürfe, erschienen bei Wallstein 2023, haben Prof. Dr. Tilmann Köppe und Fabian Finkendey ein  überaus bemerkenswertes Stück ‚Literaturkritik‘ vorgelegt.

Vier Erzähltexte werden in den Blick genommen: Johann Peter Hebels Kannitverstan (Glück), Storms Der Schimmelreiter (Tragik), Tolstois Der Tod des Iwan Iljitsch (Tod) und Kazuo Ishiguros Was vom Tage übrig blieb (Sinn). In vier gedanklich feinzügigen, literaturtheoretisch reflektierten Lektüren wird dabei die Vieldeutigkeit der Texte – oft gegen die Laufrichtung etablierter Erwartungshaltungen – als ästhetischer Wert und ethischer Gehalt bewusst gemacht.

 Glück, Tragik, Tod, Sinn ist nicht zuletzt eine Einführung in das Lesen, verstanden als  ein aktiver, spielerischer, erkenntnisstiftender, und ‚ironisch-irenischer‘ Prozess, der hinter das Tönen vordergründiger  Moralbekundungen zur Wahrnehmung und Würdigung des in der Gegenwart Lebendigen führt.

‚Ironisch-irenisch‘: Eine (freilich subtile) Ironie richtet sich gegen  allzu schwarz-weiße Deutungen. Friedliebend, friedfertig aber wird mit den oft geplagten Protagonisten  umgegangen – die jeweils auf ihre Weise Repräsentanten aller Menschen sein können. Das gilt auch für Theodor Storms Hauke Haien.

Unter Deichgevollmächtigten - Der Schulmeister (innerer Erzähler) links vorn, der mittlere Erzähler in der Tür (heller)
Unter Deichgevollmächtigten - Der Schulmeister (innerer Erzähler) links vorn, der mittlere Erzähler in der Tür (heller)
Trien Jans, die kleine Wienke, der Hund Perle und Elke
Trien Jans, die kleine Wienke, der Hund Perle und Elke

III. Theodor Storm: Der Schimmelreiter (1888)

Denn über Hauke, den schlanken, hochgewachsenen Friesen, brechen im Gefolge der – in der Rezeption zudem oft abgeschliffenen – Tragödientheorie des Aristoteles Anschuldigungen und Verurteilungen herein wie eine Sturmflut. Technischer Machbarkeitswahn, Hochmut, ein narzisstisches Anerkennungsbedürfnis – you name it. Alle möglichen Laster werden Hauke Haien rasch attestiert. Immerhin wird ihm, zugleich mit diesen negativen Zuschreibungen, die ‚Würde‘ des tragischen Helden zuteil, an sich selbst zugrunde gegangen zu sein. – 

Es geht also um den Begriff der Hamartia, bei Aristoteles das Fehlverhalten des tragischen Helden, das die Katastrophe herbeiführt. Zwar versteht Aristoteles den Begriff nicht in einem neuzeitlich-moralischen Sinn; die Verantwortung des Helden ist gleichwohl gegeben. Sie liegt in ungenügender Reflexion und der Überschätzung der eigenen Möglichkeiten.

„Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort“ … – und Leserinnen und Leser, jung und alt, mit dem Text. (Der Verfasser schließt sich in diese kritische Selbstreflexion selbstredend ein.) –  –  Storm, der große Menschenkenner aus Husum, zudem literaturhistorisch und -theoretisch versiert , wusste es besser. Zur Tragödie bzw. zum ‚tragischen Fehler‘ äußerst er sich wie folgt (Zitat bei Köppe und Finkendey):

„Für die Tragik, besonders in der epischen Poesie, eine eigne Schuld der betreffenden Person zu fordern, beruht auf einer zu engen und […] etwas philisterhaften Auffassung des Tragischen; der vergebliche Kampf gegen das, was durch die Schuld oder auch nur die Begrenzung, die Unzulänglichkeit des Ganzen der Menschheit, von der der Einzelne nur ein unablösbarer Theil ist, der betreffenden Person entgegensteht, und der dadurch herbeigeführte Untergang, sei es der Person selbst, oder ihres eigentlichen Lebensinhaltes, das ist nach meiner Ueberzeugung das Tragische im rechten großen Sinn; [….] der Untergang nur wegen eigner Schuld ist schon mehr eine pädagogische, polizeiliche oder criminelle Bestrafung.“ (Storm in einem Brief an Heinrich Schleiden, 9. 11. 1881)

Seien Sie gespannt, wie Prof. Tilmann Köppe und Fabian Finkendey Storms Tragödientheorie in nuce in ihre verschiedenen gedanklichen Schritte ‚zerlegen‘, diese abwägen, durchdenken, um auf dieser Grundlage dann Fragen an den Schimmelreiter formulieren, wie z.B.: 

  • Mit welchen antagonistischen Kräften sieht Hauke Haien sich konfrontiert?
  • In welchem Verhältnis stehen im Schimmelreiter kausale (Mit)Verantwortlichkeit und moralischer Verantwortlichkeit?
  • Warum geht den Leserinnen und Lesern Haukes Schicksal so nahe?
  • Gibt es tragische Handlungsstrukturen? Falls ja: Worin bestehen sie?
  • Gibt es ein spezifisch ‚tragisches‘ Gefühl? Unter welchen Umständen stellt es sich ein?
  • Gibt es Dinge, in Bezug auf die ein Mensch gar nicht anders kann, als sie zu wollen? Gibt es eine Form des Wollens, die ‚persönlichkeitskonstitutiv‘ ist? – „Das Wollen […] ist der Gott der neuern Zeit“, schreibt Goethe schon 1815 in Shakespeare und kein Ende…

Lassen Sie sich die Möglichkeit nicht entgehen, einem großen Text, der manchem vielleicht aus der eigenen Schulzeit noch in Erinnerung ist, in einem neuen Kontext wiederzubegegnen. Zur Vorbereitung empfiehlt sich die Lesung von Gert Westphal; gewiss auch ein Mensch, der etwas, in seinem Falle Vorlesen, ‚notwendig wollte‘ – freilich mit glücklichem Ausgang.  

Sie sind herzlich willkommen!

Hauke Haien reitet in den Sturm hinaus
Hauke Haien reitet in den Sturm hinaus
Hauke Haien im Sturm auf dem Deich
Hauke Haien im Sturm auf dem Deich

(Die Radierungen zum Schimmelreiter stammen von Alex Eckener (1870 – 1944)).

Palais Bellevue, Kassel
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