Goethe-Gesellschaft Kassel e.V.

21. März 2024: Dr. Andreas Beck

Dr. Andreas Beck

Donnerstag, 21. März 2024

Ort: Naturkundemuseum im Ottoneum, Steinweg 2, 34117 Kassel

Zeit: 19:00 Uhr

Referent: Dr. Andreas Beck

Thema: Der ehrliche (?) Prokurator Abschied von der „moralischen Erzählung“

(Erzählen als Suche nach neuen Formen von Geselligkeit in GoethesUnterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ (1795))

Der Eintritt ist frei.

Dr. Andreas Beck:

Der ehrliche (?) Prokurator – Abschied von der „moralischen Erzählung“

„Der Prokurator“ stellt die fünfte von sechs Geschichten dar, mit denen in Goethes „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ (1759) eine Gruppe von Emigranten – auf der Flucht aus linksrheinischem Gebiet vor der französischen Revolutionsarmee – versucht, gegen allgegenwärtiges Politisieren, Meinungspolarisierung, kurz: tiefgreifende soziale Zwietracht anzuerzählen. Auf diese sechs Erzählungen folgt nur noch das rätselhaft-vieldeutige „Märchen“.

„Der Prokurator“ greift auf die letzte Erzählung der französischen „cent nouvelles nouvelles“ zurück – einer französische Novellensammlung aus dem 15. Jahrhundert. Unter dem Anschein der traditionellen Plot-Struktur des triangle érotique wird dort die Sinnenlust einer jungen Frau – shakespearisierend formuliert – dadurch „gezähmt“, dass Ehemann und (prospektiver) Liebhaber kooperieren und ein subversives Begehren in die Schranken der etablierten Ehe- und Gesellschaftsordnung zurückführen.

Goethes Adaption scheint diese Erzählstruktur auf den ersten Blick in nachgerade aufdringlicher Weise zu bestätigen – wenngleich er der jungen Frau immerhin mehr Eigenständigkeit zubilligt. Die allzu große Emphase des Schlussmonologs der zuletzt ‚geläuterten‘ Schönen weist jedoch bereits darauf hin, dass hier etwas nicht stimmt. Das krude Missverhältnis zwischen „italiänischen Keuschheitsmetoden“ (Johann Friedrich Reichardt) und der Suche nach neuen Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens in den „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ wurde schon von Zeitgenossen bemängelt.

Dr. Andreas Beck führt in seiner fulminanten Dissertation „Geselliges Erzählen in Rahmenzyklen“ (2008) den Nachweis, dass „Der Prokurator“ – wie die Erzählsammlung insgesamt – die Leserinnen und Leser herausfordert, indem der Text an der Oberfläche zu einsinnigen, moralisierenden Lesarten einlädt. Wer sich damit begnügt, findet sich rasch in einer wenig anregenden, gleichsam ‚kategorisch-imperativisch uniformierten‘ Welt wieder.

Im Gegensatz dazu stellt Andreas Beck in seiner ebenso klugen wie frischen Lesart drei Hauptfiguren vor, die jeweils auf ihre eigene Weise „krank“ sind – und jeweils individuelle „Kuren“ finden.

Angesichts eines solchen Pluralismus der Lebenswege ist der Leser zu individueller Sinnfindung aufgefordert. Die Erzählung bietet dabei Modelle an, auf die der Leser eigene Erfahrungen und Entscheidungen beziehen kann. Während der Text eine Tugend ‚ins Schaufenster stellt‘, die auf Entbehrungen und Verzicht basiert, gibt er geistig beweglichen Leserinnen und Lesern doch zugleich zu verstehen, dass der Schlüssel zu einem gelingenden Leben darin liegt, „auf seine eigene Weise ungehindert tätig [zu] sein“ (Goethe, Die guten Frauen, 1800).

Wir danken Dr. Andreas Beck, dass er für uns seine Dissertation wieder aufgreift. Darin geht es ebenso um Bedingungen der Möglichkeit wirklicher Geselligkeit wie um die Frage danach, was ein gelingendes Leben ausmacht. Zugleich geht es um die Bedeutung jeder Leserin und jedes Lesers für literarisches Sinnverstehen. Die ‚irrlichtelierende‘ Vielstimmigkeit und Mehrdeutigkeit, die am Ende der „Unterhaltungen“ im „Märchen“ zur Vollendung gebracht wird, wird im „Prokurator“ bereits erprobt und angebahnt.

Ottoneum
Foto: A. Savin, WikiCommons
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