Mittwoch, 17. Juni 2026, 18:00 Uhr:
PD Dr. Michael Jaeger (FU Berlin):
"Goethes Faust und die Geldschöpfung aus dem Nichts" -
Inflation als Phänomen der Grenzenlosigkeit der Moderne
Mittwoch, 17. Juni 2026
Ort:Stadtmuseum Kassel (Saal),
Ständeplatz 16, 34117 Kassel
Zeit: 18:00 Uhr
Referent: PD Dr. Michael Jaeger (FU Berlin)
Der Eintritt ist frei

Goethes Faust und die Geldschöpfung aus dem Nichts
„Alles aber, mein Teuerster, ist jetzt ultra, alles transzendiert unaufhaltsam, im Denken, wie im Tun. Niemand kennt sich mehr, niemand begreift das Element, worin er schwebt und wirkt, niemand den Stoff, den er bearbeitet.“ Am 6. Juni 1825 schreibt Goethe an Carl Friedrich Zelter diese Worte über den ruhelosen Geist der neuen Zeit.
Zwei Jahre später teilt Goethe seinem Publikum eine paradoxe Beobachtung mit – zum Faust-Stoff, an dem er seit mehr als einem halben Jahrhundert arbeitet. Er könne nicht loskommen von der alten Geschichte des Magiers und Alchemisten. Warum? Weil diese Figur in allen Überlieferungen eine „Gesinnung“ zeige, die dem „modernen Wesen“ geradezu „analog“ sei. Die Übereinstimmung zwischen Moderne und „Fausts Charakter“ liegt gerade in dessen Unfähigkeit, Begrenzungen des menschlichen Daseins zu akzeptieren. Sein ungeduldiger Protest gilt den „Erdeschranken“. Nichts kann ihn zufriedenstellen. Der „Besitz des höchsten Wissens“ nicht, der „Genuß der schönsten Güter“ auch nicht. Alle irdischen Dinge und Möglichkeiten bleiben „unzulänglich“, „seine Sehnsucht auch nur im mindesten zu befriedigen“ (WA I 41.2, S. 290).
Die kaiserliche Pfalz und Mephistos Innovation
Erster Akt: Kaiserliche Pfalz. Die Welt des späten Ancien Régime ist geplagt von multiplen Krisen. Das Reich kann sich nicht mehr verteidigen, das Rechtswesen ist korrumpiert, es fehlt an geistiger Orientierung, alle zentralen Ressorts sind zahlungsunfähig. Der Staatsbankrott steht unmittelbar bevor.
Genau auf dieses Stichwort erscheinen Faust und Mephisto am Hofe. Mephisto agiert wie im ersten Teil der Tragödie als Herr der Mittel – nun jedoch in modernster Form: als Vordenker neuer Wirtschaftsformen und eines gänzlich neuartigen Geld- und Währungssystems. Typisch mephistophelisch ist dabei bereits seine Reduktion der vielschichtigen rechtlichen, moralischen, politischen und geistigen Probleme des Reichs auf eine reine Finanzfrage.
In der dergestalt ‚finanzialisierten‘ Welt verspricht er, Haushaltsdefizite und Sparzwänge auf immer zu einem Phänomen der Vergangenheit zu machen. Sein „Projekt“ (V. 4888) läuft auf Papiergeldschöpfung hinaus. Der Stabilitätsanker: im Erdreich „erstarrt[e]“ (V. 6111), tote, mithin „ungenutzt“ (V. 6113) herumliegende Edelmetalle. Dabei hat Mephisto nicht vor, diesen Währungsanker jemals empirisch zu manifestieren. Er bleibt der Imagination anheimgestellt. Gerade in dieser fehlenden Empirie liegt das alle Grenzen sprengende Wachstumspotenzial: „Die Phantasie, in ihrem höchsten Flug, / Sie strengt sich an und tut sich nie genug. / Doch fassen Geister, würdigt tief zu schauen, / Zum Grenzenlosen grenzenlos Vertrauen.“ (V. 6115ff.)
Als der Kaiser dennoch graben will, lenken Faust und Mephisto ihn mit dem „wilde[n] Karneval“ (V. 5060) ab. Die „Mummenschanz“ (vor V. 5065) evoziert eine Welt des Spiels, des Scheins und der Illusion – ganz im Geist ihrer neuen Geldpolitik. Im Hintergrund wird derweil die Papiergeldkanone angeworfen. Am Aschermittwoch erwachen Kaiser und Hof in einer völlig veränderten Finanzwelt. Doch das Anschwellen der Geldmenge führt rasch zu Inflation und Geldentwertung – und diese zu politischer Panik. Im vierten Akt ist offener Bürgerkrieg ausgebrochen…

Industrialisierung als Einlösung alchemistischer Versprechen?
Vierter und fünfter Akt: Die Industrialisierung bricht herein. Faust erhält ein Stück Meerstrand für seinen entscheidenden Beistand im Bürgerkrieg. Einen breiten Streifen Meer will er in Festland verwandeln. Die Glut dampfbetriebener Schaufelmaschinen beleuchtet eine unheimliche Szenerie. Kanäle werden gegraben, Dämme gebaut. „Bezahle, locke, presse bei“ (V. 11554) – so Fausts Anweisung an Mephisto. Bezahlt wird mit Geld aus dem Bankhaus Faust-Mephisto.
Doch der Währungsanker liegt nun nicht mehr allein in der Phantasie, wie noch im ersten Akt. Fausts Großbaustelle verspricht realen Gegenwert. Brachliegende Natur soll in Kapital verwandelt werden. War die Papiergeldschöpfung im ersten Akt eine moderne Variation alchemistischer Goldmacherphantasien, so inszeniert Goethe jetzt die moderne Ökonomie als authentische Realisierung jenes Versprechens: Wertloses in Wertvolles zu verwandeln.
Neue Technik wird zum Katalysator eines revolutionären Prozesses, in dem „alles Ständische und Stehende verdampft“ (Manifest der Kommunistischen Partei, 1848). In den Dampf der Maschinen mischt sich – in den 1831 geschriebenen Szenen – der Rauch des Scheiterhaufens, auf dem Mephisto die Idylle von Philemon und Baucis dem Untergang geweiht hat. Dem Gewinn der neuen Welt steht der Verbrauch der alten gegenüber: „Was sich sonst dem Blick empfohlen, / Mit Jahrhunderten ist hin.“ (V. 11336f.)
Die finale Frage
Faust legitimiert seinen Drang zur Transzendierung der „Erdeschranken“ in nachträglicher Rechtfertigungsideologie als Freiheitsprojekt: „Solch ein Gewimmel möchte ich sehn, / Auf freiem Grund mit freiem Volke stehen.“ (V. 11579f.) Doch der Klang der Spaten, den er von der Kanalbaustelle her zu hören glaubt, stammt von den schaurigen Lemuren, die sein eigenes Grab schaufeln – vielleicht auch das Grab des ‚faustischen‘ Menschen. Ist Fausts letzte Vision (‚freies Volk auf freiem Grund‘), fragt Michael Jaeger, womöglich die finale Inflationsblase der Tragödie?
Wie aber wäre angesichts dieser nihilistisch-mephistophelischen Dystopie die ‚Rettung‘ Fausts in den Bergschluchten zu denken – und damit auch die Bewahrung der von ihm grenzenlos und im globalen Maßstab bearbeiteten Welt? – Wie auch immer man diese Frage beantworten wird: Michael Jaeger zeigt, wie in Goethes Faust-Dichtung die Züge unserer eigenen Wirklichkeit sichtbar werden.
Eine interdisziplinäre Spurensuche
In dem von PD Dr. Michael Jaeger und dem Volkswirtschaftler Prof. Marco Lehmann-Waffenschmidt herausgegebenen Band „Goethes Faust und die Geldschöpfung aus dem Nichts – Das Phänomen der Inflation in interdisziplinärer Perspektive“ (Würzburg: Könighausen & Neumann, 2025) verbinden sich philologische Beiträge zur Inflationsthematik in Goethes Faust mit ökonomischen und finanzwissenschaftlichen Analysen zur Geldmengenausweitung und Geldentwertung unserer Tage.
Die Thematik ist dabei keinesfalls auf den ersten Akt begrenzt – sie durchzieht das gesamte Drama bis in den fünften Akt des zweiten Teils, wirft ein helles Licht auf Pakt und Wette in Faust I und erweist sich als wohl sinnfälligster Ausdruck jener permanenten Grenzüberschreitung, die strukturell die Modernität des Gesamtdramas begründet.

«Goethes ‹Faust› und die Geldschöpfung aus dem Nichts.» (2025)
PD Dr. Michael Jaeger (FU Berlin) liest Goethes Faust konsequent gegen den Strich der affirmativen Deutungstradition: nicht als Triumphdichtung des faustischen Strebens, sondern als Tragödie der Moderne – als Warnung vor dem “veloziferischen” Zerstörung der Gegenwart; als Illustration eines tiefgreifenden Traditionsbruchs.
Veröffentlichungen (Auszug):
- Habilitationsschrift: Fausts Kolonie. Goethes kritische Phänomenologie der Moderne (2004, 668 S., 4. Aufl. 2022)
- Essay: Global Player Faust – oder: Das Verschwinden der Gegenwart (2008, 9. Aufl. 2023)
- Monographie: Wanderers Verstummen, Goethes Schweigen, Fausts Tragödie (2014, 602 S.)
- Salto Mortale. Goethes Flucht nach Italien (2018)
- Goethes “Faust”. Das Drama der Moderne (C.H. Beck, 2021)
- “Faust and Modernity”, in: Goethe in Context, ed. Charlotte Lee (Cambridge 2024)
- Hg. mit M. Lehmann-Waffenschmidt: Goethes Faust und die Geldschöpfung aus dem Nichts (2025, 486 S.)
Michael Jaeger, der über die Jahre die prägendste, international einflussreichste Faust-Deutung der Gegenwart vorgelegt hat – und weiterhin daran arbeitet -, pflegt dabei einen Vortragsstil, der auch Nicht-Philologen zu elektrisieren vermag. Seine zentrale Opposition: Goethes kontemplatives Nunc stans gegen Fausts rastlosen Verbrauch der Gegenwart.