Goethe-Gesellschaft Kassel e.V.

Anfang Juni 2024: Dr. Claudia Keller
(Universität Zürich)

Dr. Claudia Keller

Anfang Juni 2024

Ort: Wird zeitnah bekannt gegeben.

Zeit: 18:00 Uhr

Referent: Dr. Claudia Keller

Thema: Hin und Her – Utopie lebendiger Gemeinschaft in Goethes „Märchen“

Der Eintritt ist frei.

„Das vertrackte Märchen […] ist die bare Verzweiflung an Sinn und Verstand […]. Was geht es uns an, ob sich der irdische Dichter vielleicht etwas wunderbar Tiefes, nur geheimnisvoll Verschleiertes dabei gedacht habe. Wir sind das von Goethe nicht gewohnt, wir lassen uns das selbst von ihm nicht gefallen, wir verlangen menschlichen Inhalt in klarer, durchsichtiger Form, wir protestieren [!]“

(Karl Grün: Über Goethe vom menschlichen Standpunkte, Darmstadt 1846, S. 158; zit. nach Andreas Beck 2008, S. 194.)

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Piet Mondrian: „Broadway Boogie Woogie“ –  Pulsierendes Leben

Dr. Claudia Keller:

Hin und Her – Utopie lebendiger Gemeinschaft in Goethes Märchen

Goethes Märchen schlingt Bilder, Ideen und Begriffe durcheinander, enthält phantastische, symbolische und allegorische Elemente. Mit diesem Spiel einer Phantasie, die sich an sinnvollen Bildern erfreut, zu Deutungen einlädt, aber nicht durch sie zu erschöpfen ist, sollten die Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten, so Goethe, gleichsam ins Unendliche auslaufen.

Zu Beginn zeigt das Märchen eine Welt im Zeichen der Starre, der Trennung und der Vereinzelung. Das Reich der Schönheit und des Idealen ist abgeschieden vom irdischen Bereich, leblos und unfruchtbar. Das irdische Leben wiederum ist nicht nur von der Erfahrung des Schönen getrennt; auch alle Begriffe von Weisheit, persönlicher Bindungskraft/Strahlkraft und Mut haben sich in unterirdische Höhlen zurückgezogen.  Beide Welten sind durch einen Fluss getrennt, der nur von wenigen und nur unter äußerst restriktiven Bedingungen überquert werden kann. Austausch, lebendiger Verkehr, Wechselwirkung und Resonanz – Fehlanzeige. Die Figuren des Märchens irren, von individuellen Sorgen geplagt oder von egozentrischen Interessen getrieben, durch eine Art Waste Land.

Im Verlaufe des Märchens werden die vormals getrennten Welten wieder verbunden. Die verrätselten Bilder sind zugleich Bilder der Hoffnung. Ein Tempel mit drei allegorischen Königen, abgesunken in die Tiefe der Vergessenheit, hebt sich in das Licht einer neuen Zeit. Vor diesem Aufstieg in die Gegenwart wandert der Tempel – unter dem Fluss hindurch – von der irdischen Seite an das Ufer des Idealen, der Schönheit und des Sinns. Mit dem irdischen Ufer bleibt er jedoch durch eine prachtvolle, in allen Schattierungen der Hoffnung schimmernde Brücke verbunden.

Kein Deus ex machina führt diese neue Zeit herbei, sondern das Zusammenwirken aller Figuren, die sich aus der Vereinzelung lösen und eine ‚magische Kette‘ bilden. Der eine vermag, was dem anderen nötig ist. „Kein Mensch ist Herr von irgendeinem Ding, / Und sei’s auch ganz in ihm, und für sich selbst bestehen, / Bis er’s als Gabe einem andern mitgeteilt“. („[N]o man is lord of anything/ Though in and of him is much consisting,/ Till he communicate his parts to others.”) Der Satz stammt zwar von Shakespeare (Troilus und Cressida, III, 2, 116ff.), könnte allerdings auch im Märchen stehen. „[E]in einzelner hilft nicht, sondern wer sich mit vielen zur rechten Stunde vereinigt“ – so weiß es im Märchen der Alte mit der Lampe.

Die Bilder der Vereinzelung überschreibt Goethes Märchen mit einer Utopie lebendiger Gemeinschaft, die aus den divergenten Strebungen und Impulsen heraus ensteht.

Dr. Claudia Keller geht in ihrer Deutung von der auf den ersten Blick unscheinbaren sprachlichen Gebärde des „Hin und Her“ aus, das zunächst kollektive Verwirrung und Unruhe signalisiert. Es zeigt sich jedoch, dass das „Hin und Her“ als Bewegungs- und Zeitkonzept eine erstaunliche integrative Kraft zu entfalten vermag.

Denn die in Entfremdung erstarrte Welt des Märchens wird von einer Bewegung erfasst – sinnfällig nicht zuletzt in zwei Irrlichtern –, die weder zyklisch verläuft noch eine lineare Fortschrittsideologie darstellt. Die Bewegung des ‚Hin und Her‘ ist – als potentieller Ausdruck individueller und kollektiver Verwirrung – nicht ungefährlich, birgt aber doch die Hoffnung auf eine Integration hin- und widerstrebender Impulse zu einem lebendig-pulsierenden Ganzen.

Wenn die neue, utopische Ordnung des Märchens sich schließlich symbolisch in einem architektonischen Ensemble objektiviert, das an das römische Pantheon, Petersdom und Engelsbrücke erinnert – wie Goethe es von frühester Kindheit an aus Bildern im Elternhaus kannte und während seiner Rom-Aufenthalte 1786/87 vor Augen hatte –, dann ist auch diese symbolischen Architektur Ausdruck einer pulsierenden Bewegung und „Wechsel-Dauer“. Der Petersdom selbst wird Goethe  in seinen verschiedenen Bauphasen und Brüchen zum Bild einer von Kontingenz und Krisen durchzogenen Geschichte, zu „eine[r] kleine[n] Weltgeschichte“ für sich (Goethe an Meyer, 16. 11. 1795).

Dr. Claudia Keller zeigt uns einen Goethe, der auf historische Verwerfungen, Überlieferungsbrüche und Kontingenzerfahrungen produktiv reagiert. Im Märchen entwickelt Goethe einen geschichtsphilosophischen Ansatz, der hinter dem Niveau der geschichtsphilosophischen Reflexion seiner Zeit nicht zurückbleibt. Dass es sich dabei um keinen blinden Zweckoptimismus handelt, wird im Vergleich mit den Wanderjahren deutlich. Dort erscheint die Synchronisation von Individuum und Gemeinschaft wesentlich problematischer. Und noch bei Gottfried Keller und Peter Handke macht Claudia Keller Echos dieser Goethe’schen Denkfigur aus.

Wir sind Dr. Claudia Keller für ihren Besuch aus Zürich überaus dankbar und freuen uns darauf, sie am 06. Juni in Kassel begrüßen zu dürfen.

Goethe - "Das Märchen". Illustrationen von Hermann Hendrich (1921)

Stadtmuseum Kassel
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